Rixdorf blieb sich auch unter
dem neuen Namen treu


Rixdorfer Stadtwappen von 1903

Die meisten Berliner, die heute von Neukölln sprechen, meinen eigentlich Rixdorf, ohne sich dessen bewusst zu sein. Denn einerseits denken sie meist nur an den Neuköllner Norden, und der steht andererseits auch heute noch für Probleme, die in unserem Bezirk Tradition haben.
Vor bald einem Jahrhundert, im Jahre 1912, verschwand aus dem Namen der Stadt bei Berlin auch das Dorf: Rixdorf hieß von nun an Neukölln. Das sollte mehr nach Berlin klingen, das ja bekanndich zur Hälfte auch aus Cölln bestand. Denn ironischerweise war Rixdorf, das mittlerweile wieder nach guter alter vorstädtischer Tradition klingt, einst für viele nur noch das ,Symbol für veruchte Arbeiterslums. Dabei hatte Rixdorf sehr viel zu bieten. Schließlich war es in der wirtschafflichen Blütezeit der Industrialisierung auch ,,das größte Dorf der Monarchie“.

Die Geschichte der langen Entwicklung vom Dorf zur Metropole begann im Mittelalter im Jahre 1360 mit einer Gründungsurkunde. Es dauerte nicht lange, da mussten die Johanniter, die am heutigen Richardplatz ,,Richardsdorp“ gründeten, an das mächtigere Cölln verkaufen. Erstaunlicherweise wurde der erste Dorfkrug erst 1685 eröffnet - nach dem Bau einer Kirche (1400) und einer Schmiede (1626). 1729 folgte die erste Mühle in der 224 Einwohner zählenden Gemeinde.

 

Den ersten bedeutenden Einschnitt in ihrer Geschichte verdankten die Rixdorfer dem Soldatenkönig, der 1737 verfolgte Böhmen in Rixdorf ansiedelte. Seit dem war das Dorf in zwei Verwaltungen geteilt, Deutsch-  und Böhmisch-Rixdorf. 
Bauernhäuser im märkischen Stil jeweils aus der Zeit um 1670 und 1830 dokumentieren in der Richardstraße 36 und 37 noch das bäuerliche Leben der Rixdorfer. Ein erhalten gebliebenes Büdnerhaus aus dem Jahr 1750 kann in der Kirchgasse 6 bestaunt werden, wo auch eine Statue den Soldatenkönig ehrt. 
Die Spuren böhmischen Lebens kennzeichnen bis heute den Richardplatz vom Gottesacker bis zum Comeniusgarten.
Die Rixdorfer trotzten aber auch vielen Katastrophen. Was der Dreißigjährige Krieg nicht zerstörte, holte sich der ,,schwarze  Tod“. Plünderungen durch die m Österreicher im Jahre 1757 überstanden sie genauso wie die Besetzung durch Napoleons Truppen er 1806 und die Zerstörung durch Brände 1803 sowie 1849. 
170 Tote betrauerte man alleine nach einer
Choleraepidemie 1866 in dem inzwischen 6.513 Einwohner zählenden Rixdorf. 
Die Zeit der großen Erfindungen, die einherging mit einer Bevölkerungsexplosion in dem größten Dorf des Kreises Teltow, zu dem Rixdorf gehörte, ließ sich nicht mehr aufhalten. Sei es die erste Omnibuslinie, eine eigene Postexpedition und ein Bahnhof- alles wurde getan, um näher an Berlin zu rücken.

 

1899 konnte der erste Gemeindevorsteher des vereinigten Rixdorfes, Hermann von Boddien, dem Kreis Teltow das Stadtrecht für Rixdorf abkaufen. Gleichzeitig wuchs die erste ,,zusammenhängende Arbeitervorstadt“ in die Höhe, dort wo zuvor die Rollberge einen schönen Blick in Richtung Berlin boten. Doch die Berliner kamen zuhauf nach Rixdorf, vor allem, um sich zu amüsieren. Die Stadt muss, wie man heute sagt, ziemlich angesagt gewesen sein, was die Obrigkeit jedoch als Manko empfand. 1912 genehmigte Kaiser Wilhelm II. jedenfalls die Umbenennung in Neukölin, womit man sich vom Rixdorfer Schmuddelimage zu lösen hoffte.
Neukölln hatte inzwischen für seine 253.000 Einwohner nicht nur ein eigenes Rathaus, sondern auch ein riesiges Angebot an Biergärten und großen Unterhaltungssälen. Die Kindl-Säle machten Neukölln zu dem Zentrum für Artisten. Mit dem Mercedes-Palast entstand ein mehrere tausend Besucher fassendes Luxus-Kino, und in den Biergarten blühte nicht nur der Ausflugstourismus, sondern auch das bunte Vereinsleben. Berlin zog es weiter nach
Neukölln.                      gm

 
Kaiser Friedrich Wilhelm I

 
Blick ins Dorf
(Kirchgasse)

 
alte Schule
(Kirchgasse 5 )
Schmiede & Dorfkirche

Die lange Geschichte
einer gelungenen Integration
Das Böhmische Dorf wurde auch nicht
an einem Tag gebaut


Die Ansiedlung der Glaubensflüchdinge aus Böhmen wird heute gern als Beispiel für gelungene Integration zugewanderter Menschen gesehen. Doch so schnell passten sich die Böhmen auch nicht an: Noch 150 Jahre nach ihrer Ankunft sprachen manche noch tschechisch.
Wer waren eigentlich die böhmischen Flüchtlinge, denen der Soldatenkönig vor knapp 300 Jahren in Rixdorf die Ansiedelung erlaubte? Gläubige Protestanten, die wegen ihres Glaubens verfolgt wurden. Denn die in Böhmen ansässigen Tschechen waren traditionell Anhänger der reformatorischen Glaubensrichtung. Als solche wurden sie von den katholischen Königen aber unerbittlich vertrieben.
Bereits 1620 flohen 36.000 Familien aus bürgerlichem und adeligem Stand. Die Zurückgebliebenen mussten konvertieren. Aus ihren Reihen stammten die böhmischen Religionsilüchtlinge, die über hundert Jahre später nach Preußen emigrierten. In Sachsen gründeten deutschstämmige Mähren sogar eine eigene Stadt:
Herrnhut.
Im 18.Jahrhundert war es durchaus noch üblich, Fremde im Staat aufzunehmen. Das bedeutete mehr Steuerzahler, mehr Arbeitskräfte und Soldaten. Doch die er­sten Tage in Preußen waren nicht einfach: Die ersten Ankömmlinge wurden sofort gezwungen, ins Militär einzutreten. Und auch den folgenden wurde der Anfang nicht leicht gemacht, nachdem der Soldatenkönig von ihrer Armut erfahren hatte. Ihm gefiel vor allem die auf praktische Tätigkeit ausgerichtete Religion der Herrnhuter Brüder. Trotzdem: 
Um eine Masseneinwanderung zu vermeiden, wurden die Handwerker unter ihnen unauffällig in der Residenzstadt angesiedelt. In Rixdorf gestattete er 18 Bauernfamilien zu bleiben und unterschrieb die Genehmigung mit ,,Euer affectionierter König“. Erkaufte 1737 ein Schulzengut für neun Doppelhäuser mit dazugehörenden Scheunen für Familien, von denen die meisten aus dem Ort Böhmisch-Rothwasser stammten. Sie galten als gute Ackerleute und Weber. Um die Keimzelle des ,,Böhmischen Dorfes“ zu bilden, erhielten sie ferner je zwei Pferde, zwei Kühe und Ackergerät sowie Lebensmittel.

 

 
Da die Rettung aus der blanken Not von rund 200 Böhmischen Brüdern, unter denen Familien mit acht Kindern waren, in ,,Riksdorf‘ auch dank der Hilfe untereinander zu einem guten Ende kam, wuchs die Einwohnerzahl des Dorfes schnell. In einer zweiten Bebauungsphase gut 10 Jahre später entstanden hinter den Scheunen an der heutigen Kirchgasse bereits 20 Büdnerhäuser. Dort wurde 1753 auch das Schulhaus gebaut und 1761 der Betsaal der Brüdergemeine. Bereits 1751 besaßen die Angesiedelten einen eigenen Friedhof, den sogenannten Gottesacker.
Schnell wurde das ,,Böhmische Dorf‘ ein selbstständiges Dorf mit eigenem Dorfschulzen. Außer einer zweijährigen Befreiung von der Steuerpflicht wurden die neuen Preußen nun bis 1813 von der Miitärpflicht befreit. 
Anfangs lebten sie zurückgezogen von der deutschen Bevölkerung, auch wegen der fremden Sprache. Bis 1830 blieb tschechisch die Umgangssprache der böhmischen Rixdorfer. Bis 1910 gab es ältere Leute, die ausschließlich tschechisch sprachen. Mit den Jahren gab es nicht nur deutsch-böhmische Eheschließungen, es kam auch zu Streitereien.Anlass war
zumeist die gemeinsame Nutzung der Dorfkirche.
Die böhmischen Zuwanderer bewahren bis heute die Traditionen der Brüdergemeinde. Neukölin ehrt den Fleiß der effolgreichen Zuwanderer nicht nur mit dem hussitischen Kelch im Bezirkswappen, hier fanden die Nachfahren der Böhmen schließlich auch die nötige Unterstützung zur Erhaltung des in Europa einmaligen Ensembles. 
                                         gm

 

Da sich der Stammsitz des Rixdorfer DrachenTeam's
nach Britz verlagert hat,
hier noch einige Infos über Britz.